Grenzen und Freiheit in der Kindererziehung
Ich bin Mutter von vier Kindern im Alter von 22,14,15 und 5 Jahren.
Jedes Kind hat seine eigenen Bedürfnisse, Gefühle & Wünsche. Hinzu kommen noch die meines Mannes und von mir. Da ist immer viel los und ich empfinde es als großes Geschenk, dass diese vier Kinder sich mich als Mama ausgesucht haben.
Als meine älteste Tochter in den Waldorfkindergarten ging begrüßte mich täglich an der Haustür eine Karte mit dem Satz
„Du brauchst deine Kinder nicht zu erziehen, sie machen dir sowieso alles nach"
Ich war damals 19 Jahre jung und dieser Satz hat einen Samen in mir gesetzt.
Es gibt kaum einen Satz, der bei dem Thema Erziehung öfter fällt, als „Kinder brauchen Grenzen".
Meine Meinung dazu ist
Natürliche und reale Grenzen, keine willkürlichen.
Kein Mensch braucht solche Grenzen. Grenzen begrenzen und trennen.
Es geht vielmehr darum, dass wir als Eltern und Erwachsene die Grenzen der Kinder respektieren und wahren sowie die eigenen zu kennen. Das Kind braucht die echten, authentischen und realen Grenzen der Eltern.
Grenzen sind überall. Wir müssen sie nicht künstlich erschaffen oder in der Erziehung benutzen um unsere Kinder zusätzlich zu limitieren, manipulieren oder erpressen.
Wir dürfen den Kindern Wege im Umgang mit bestehenden Grenzen aufzeigen. Wir schützen sie aber nicht, indem wir ihnen „künstliche" Grenzen setzen, denn das erzeugt kein Verständnis. Kinder suchen keine Grenzen - Sie suchen dich als Mutter und Vater.
„Wer bist du Mama" „Wer bist du Papa" das möchte das Kind wissen.
Das Kind möchte dich als Mutter / Vater über deine realen und echten Grenzen, deine Werte und Haltungen kennenlernen um sich daran zu orientieren und spüren.
Grenzen sind immer sehr individuell und oft situationsabhängig.
So gibt es auch die unterschiedlichsten Grenzen. Körperliche, energetische, seelische, Alltagsgrenzen.. Ein Vater spielt oft z.B. ganz anderes mit den Kindern wie eine Mutter. Wenn unser Sohn auf mir rumspringt oder klettert ist das für mich wenig Spaß. So ist klar, diese Art von „Spiel" macht er mit seinem Papa, weil Mama körperlich an ihre Grenzen kommt. Ich muss nicht alles mitmachen. Ich darf authentisch, klar und mit Liebe „Nein" sagen.
Wenn wir in andere Kultur schauen, sehen wir auch, wie unterschiedlich das Verhältnis zu Nähe und Distanz sein kann. Während man sich in unserer westlichen Region oft zur Begrüßung die Hand reicht, gibt man anderswo links und rechts ein Küsschen. So dürfen wir uns immer wieder daran erinnern, dass jeder andere Grenzen hat. Auch unsere Kinder.
Eine reale Alltagsgrenze in Familien könnte z.B. sein..
Wenn ein Kind beim Einkaufen sich etwas aussuchen möchte und das das Budget übersteigt, weil die
vorhandenen Mittel begrenzt sind, ist das eine reale Grenze. Das Geld dafür ist nicht vorhanden. Es ist nicht möglich. Und genau da ist der Unterschied zu: „Du kannst nicht alles haben." Ja, warum denn eigentlich nicht? Weil ich es sage? Weil man sagt, dass es nicht gut ist, wenn Kinder alles bekommen? Weil Kinder lernen müssen mit Frustration umzugehen?
Es ist auch ein Unterschied, ob ich Dinge verbiete, weil die Gesellschaft das so sieht oder weil ich es tief in mir drin so sehe und auch lebe. Und genau das vermitteln wir unseren Kindern.
Wir sollten uns immer fragen, was ist meine Motivation hinter der Grenze, die ich meinem Kind setze. Oft ist die Motivation auch Angst. Wir haben Angst, dass unsere Kinder später Tyrannen werden, dass wir die Kontrolle nicht mehr halten können und die gängige Frage „was sollen denn die anderen Denken".
Hier setzt in der Erziehung oft die „Bestrafung" ein. Welche wir gerne als Konsequenz verkaufen.
Eine natürliche Konsequenz ist z.b., ich gehe im Regen spazieren und werde nass. Wenn ich aber sage „du bist jetzt im Regen gelaufen und total nass deshalb darfst du jetzt als Konsequenz nicht fernsehen oder nicht mehr rausgehen" dann ist das keine Konsequenz sondern eine Strafe.
Beziehung statt Erziehung – Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts
Kinder wollen und brauchen authentische, wahrhaftige Eltern, die sich selbst achten und wahrnehmen um gute „Vorbilder" zu sein. Sind wir mit uns nicht authentisch und achtsam, spüren das unsere Kinder sofort und reagieren z.B. mit „Grenzen suchen" sie suchen unsere Grenzen.
Was unseren Kindern Halt, Sicherheit und Orientierung gibt sind Rituale & Strukturen in der Familie sowie gute Werte die von den Eltern nicht nur vorgeredet sondern vorgelebt werden.
„Ganz da sein".
Kinder wollen gehört, gesehen, geliebt und freigelassen werden.
Oft sind wir als Eltern im Alltag so beschäftigt, dass wir die Kinder mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und kreativen Ideen gar nicht richtig wahrnehmen. Für die Kinder entzieht das eine natürliche Grenze, die sie für ihr Selbst,- und Urvertrauen brauchen um sich in ihrer Individualität als Selbstbewusste und innerlich zufriedene Menschen erfahren zu können. Bewusste, gewaltfreie Kommunikation unterstützt eine Beziehung in Liebe hin zur Freiheit und individuellen Entwicklung
Ein Elternteil wirkt für das Kind wie eine leere Hülle, wenn es gedanklich wo ganz anders ist oder vielleicht regelmäßig Alkohol konsumiert. Es braucht unsere klare Präsenz um sich in einem geschützten Raum entfalten und erleben zu können. UNSERE AUTHENTISCHE GRENZE
„Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.."(Astrid Lindgren)
Der „Taufspruch" für unseren Sohn Ole Tej Shabad beschreibt den Anteil der Freiheit sehr gut
„Möge dich der Wind des Lebens zu den Orten führen, wo deine Seele ihre Erfüllung findet"
Vielen Dank an meine vier Kinder. Ihr seid meine größten und besten Alltagslehrer – Dank an meinen wundervollen Mann, der unsere Kinder ebenfalls mit so viel Respekt, Liebe und auf Augenhöhe durch ihren Weg begleitet.